Erpresserischer Menschenraub – § 239a StGB
Der erpresserische Menschenraub gehört mit einer Mindestfreiheitsstrafe von fünf Jahren zu den schwersten Freiheitsdelikten des deutschen Strafrechts. Die Vorschrift erfasst Fälle, in denen eine Person entführt oder sich ihrer bemächtigt wird, um die Sorge des Opfers oder eines Dritten um das Wohl des Entführten zu einer Erpressung auszunutzen.
Gesetzliche Grundlage
§ 239a Abs. 1 StGB: Wer einen Menschen entführt oder sich eines Menschen bemächtigt, um die Lage des Opfers oder die Sorge eines Dritten um das Wohl des Opfers zu einer Erpressung (§ 253) auszunutzen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.
§ 239a Abs. 2 StGB: In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr.
§ 239a Abs. 3 StGB: Verursacht der Täter wenigstens leichtfertig den Tod des Opfers, ist die Strafe lebenslange Freiheitsstrafe oder Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren.
§ 239a Abs. 4 StGB: Tätige Reue – das Gericht kann die Strafe mildern, wenn der Täter das Opfer freiwillig in dessen Lebenskreis zurückgelangen lässt.
Tatbestandsvoraussetzungen
Objektiver Tatbestand
1. Entführen oder Sichbemächtigen
Entführen: Verbringen des Opfers an einen anderen Ort unter Aufhebung der Fortbewegungsfreiheit. Das Opfer wird örtlich von seinem bisherigen Lebenskreis getrennt.
Sichbemächtigen: Der Täter erlangt die physische Herrschaft über das Opfer, ohne es notwendigerweise an einen anderen Ort zu verbringen. Es genügt, dass der Täter eine stabile Herrschaftsposition erlangt, die es ihm ermöglicht, die Lage des Opfers auszunutzen.
2. Ausnutzung zur Erpressung
Der Täter muss die durch die Entführung geschaffene Lage oder die Sorge eines Dritten um das Wohl des Opfers zur Erpressung (§ 253 StGB) ausnutzen wollen. Die klassische Konstellation ist die Lösegeldforderung an Angehörige. Aber auch andere Erpressungsziele sind erfasst.
Subjektiver Tatbestand
Vorsatz bezüglich der Entführung/Bemächtigung sowie Absicht, die geschaffene Lage zur Erpressung auszunutzen.
Zwei-Personen-Verhältnis
Ein praxisrelevantes Problem entsteht, wenn Täter und Opfer allein sind (Zwei-Personen-Verhältnis). Nach der Rechtsprechung des BGH ist § 239a StGB auch anwendbar, wenn der Täter das Opfer selbst erpresst – allerdings nur, wenn eine stabile Bemächtigungslage geschaffen wurde, die über die bloße Anwendung von Gewalt oder Drohung hinausgeht. Ein simpler Raubüberfall genügt nicht.
Pflichtverteidigerbeiordnung
Mit einer Mindeststrafe von fünf Jahren ist die Pflichtverteidigung nach § 140 Abs. 1 Nr. 2 StPO zwingend. In der Regel wird Untersuchungshaft angeordnet. Die sofortige Einschaltung eines erfahrenen Strafverteidigers ist unerlässlich.
Verteidigungsstrategien
1. Keine stabile Bemächtigungslage
Insbesondere in Zwei-Personen-Konstellationen kann argumentiert werden, dass keine stabile Bemächtigungslage geschaffen wurde. Ohne diese liegt kein erpresserischer Menschenraub, sondern lediglich eine (räuberische) Erpressung vor – mit deutlich geringerem Strafrahmen.
2. Fehlende Erpressungsabsicht
Wenn der Täter keine Erpressung beabsichtigte, fehlt es am subjektiven Tatbestand. Es verbleibt ggf. eine Freiheitsberaubung (§ 239 StGB) – Vergehen mit Strafrahmen bis fünf Jahre.
3. Minder schwerer Fall (§ 239a Abs. 2 StGB)
Der minder schwere Fall reduziert die Mindeststrafe auf ein Jahr. Faktoren: kurze Dauer der Freiheitsentziehung, geringe Erpressungssumme, keine körperliche Gewalt, freiwillige Freilassung.
4. Tätige Reue (§ 239a Abs. 4 StGB)
Das freiwillige Zurückgelangenlassen des Opfers in dessen Lebenskreis kann strafmildernd berücksichtigt werden. Die Freiwilligkeit muss positiv festgestellt werden.
5. Rücktritt vom Versuch
Wurde die Erpressung noch nicht vollendet, kann ein strafbefreiender Rücktritt in Betracht kommen.
Fazit
Der erpresserische Menschenraub ist eines der schwersten Delikte des deutschen Strafrechts. Die hohe Mindeststrafe und die komplexen Abgrenzungsfragen machen eine erfahrene Strafverteidigung unverzichtbar. Rechtsanwalt Bafteh vertritt Beschuldigte im Raum Bonn und Köln mit höchster Sorgfalt und Kompetenz.
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